Warum 2030? Der Weltklimarat IPCC, dessen Bericht aus einer Abstimmung zwischen Wissenschaft und Regierungen der jeweiligen Länder hervorgeht, formuliert, dass wir eine Chance von 50 Prozent haben1, die Klimaerhitzung auf 1,5° Celsius2 zu begrenzen, wenn die Menschheit ihre Treibhausgasemmissionen bis Ende 2030 halbieren und dann bis 2050 auf netto null3 absenken würde. Eine Chance von 50% bedeutet auch, dass wir dieses Ziel auch zu 50% verfehlen können. Wenn es um die Existenz von uns und vielen, vielen Lebewesen und Lebensräumen unserer Erde geht, ist ein „Fifty-Fifty“ zu wenig – oder würden Sie in ein Flugzeug steigen, dass nur mit einer 50%igen Chance auch sein Ziel erreicht und nicht abstürzt?
Das heißt, es sind sehr viel ambitioniertere Klimaschutzmaßnahmen nötig, um die 1,5°-Grenze zu erhalten. Und je länger wir damit warten, desto drastischere Schritte müssen unsere Nachkommen vornehmen. Stefanie Langkamp, der Leiterin für Nationale Energie- und Klimapolitik der Klima-Allianz Deutschland, spricht von einer „Minderung von 70% bis 2030“4. Lisa Göldner, Klima-Expertin von Greenpeace, dazu: „Sinken die Emissionen lediglich um 65 Prozent, wird Deutschland sein CO2-Restbudget bis 2030 bereits zu rund 85 Prozent verbraucht haben. Danach wären so drastische Maßnahmen notwendig, dass sie die Freiheitsrechte der jungen Generation erheblich verletzten.“ Auch sie fordert eine Minderung von mindestens 70% bis 2030. Nur dann ließen sich die Rechte der jungen Generation sichern. Und nur dann orientiere sich die deutsche Klimapolitik am Klimaabkommen von Paris5. Die Bundesregierung hat jetzt – als Reaktion auf das Karlsruher Urteil – hingegen nur 65% Senkung des CO2– Ausstoß im Vergleich zu 1990 vorgesehen.6
Aber warum eigentlich „drastische Maßnahmen“? Wozu das alles; denn das klingt ja ganz schön gruselig. Unten stehende Grafik7 bildet die Bewohnbarkeit unserer Erde im Jahr 2100 ab, wenn wir so weitermachen wie aktuell:
Diese Prognosen seitens der einschlägigen Klimawissenschaften haben sich bisher leider als zuverlässig erwiesen. So liefert ein Klimamodell aus dem Jahr 1969, das bei einer Verdopplung des Kohlendioxid-Gehalts der Erdatmosphäre (gegenüber vorindustriellem Niveau) einen Temperaturanstieg von etwa 2 Grad Celsius vorhersagt, relativ zutreffende Ergebnisse: „Tatsächlich hat der Mensch die CO2-Konzentration gegenüber vorindustriellem Niveau mittlerweile um rund 50 Prozent erhöht – und die Erde hat sich um knapp ein Grad Celsius erwärmt.“8 Im Jahr 2100 werden die heute Geborenen ca. 80 Jahre alt sein.
Also: Was können wir tun, damit dieser „worst case“ nicht eintritt, sondern ein „best case“ (in Anbetracht der Umstände). Und bedeutet das automatisch unangenehmen und nicht hinnehmbaren Verzicht9? Den meisten Menschen ist die Natur wichtig, uns ist bewusst, dass wir etwas gegen die Klimakrise tun müssen. Wenn das also unsere Werte sind, die Natur mit all ihren Lebewesen, inklusive uns Menschen, die Landschaften und die Naturräume zu schützen und zu bewahren, und mehr noch, wenn wir uns einfühlen, also empathisch sind, was die Zerstörung der Natur bedeutet (für uns, für alle), dann können wir gar nicht anders, als unser Verhalten zu verändern. Dann fällt es leichter für den Schutz des Klimas und der Artenvielfalt10 bspw. auf einen Flug zu verzichten und stattdessen die Bahn zu nehmen, sich aufs Fahrrad zu setzen, statt das Auto zu nehmen, sich eine bunte Gemüsepfanne zuzubereiten, statt nahezu täglich Fleisch zu essen11 … Vielleicht weniger ein Verzicht als vielmehr etwas Neues und Anderes ausprobieren, das auf jeden Fall gut für unsere Erde12 ist, das unseren Werten entspricht und auch noch gut für unsere Gesundheit ist.
Das Engagement jedes einzelnen Menschen zählt dabei. Und wir brauchen die Politik, womit wir wieder da angelangt sind, was uns als Bürger:innen aus Lauf, Ottersweier und Sasbach antreibt; denn in unserer Region, in unseren Gemeinden können wir direkt mit unseren Abgeordneten in den Gemeindeparlamenten ins Gespräch kommen – wir können vor unserer Haustür anfangen mit dem Klimaschutz und können dabei schneller sein, als das die Bundespolitik im Moment vorgibt. Und: globale Klimaschutzziele werden letztlich lokal umgesetzt. „Über ordnungsrechtliche Instrumente, finanzielle Anreize sowie Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit können die Kommunen Weichen stellen für Betriebe, Vereine und Privathaushalte. Als Beschafferinnen können sie selbst bei den kommunalen Gebäuden, der Straßenbeleuchtung oder im Fuhrpark Zeichen setzen und als Vorbild wirken.“13
Und: gemeinsam sind wir stärker. Nicht jede Gemeinde muss das Rad neu erfinden. Drei Gemeinden ist auch gleich Wissen mal drei. Wie gut kommunale Vernetzung funktionieren kann, zeigt zum Beispiel die (österreichische) Ökoregion Kaindorf (https://www.oekoregion-kaindorf.at/home.0.html) oder der baden-württembergische Rhein-Neckar-Kreis, in dem Kommunen ihre Klimaschutzaktivitäten „in einer gemeinschaftlichen Initiative“ bündeln (https://www.rhein-neckar-kreis.de/start/landkreis/kooperation+klimaschutz.html)14 oder auch die Biomusterregion Mittelbaden (https://bioregion-mittelbaden.de/).
Schließlich nicht nur gut fürs Umweltklima – auch fürs soziale Klima, das nachbarschaftliche Miteinander können Klein- und Kleinstprojekte sein, wie:
Nachbarschaftshilfe (vom Werkzeugausleih bis hin zum Einkaufen für die kranke Nachbarin),
Gemeindegärten (Bürger:innen pflanzen an, Bürger:innen ernten)
Erhalten und Wiederbeleben des Dorflebens – wo gibt es Plätze zum Verweilen, zum Austausch
Car-Sharing
Ausbau/Umbau des ÖPNV
1 https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/sites/2/2019/05/SR15_Chapter2_Low_Res.pdf
https://www.klimareporter.de/erdsystem/klimaneutralitaet-kommt-2050-zwei-jahrzehnte-zu-spaet
2
Von 196 Staaten und der EU wurde das sogen. Pariser Klimaabkommen am 12.12.2015 im völkerrechtlich bindenden Vertrag beschlossen. Es formuliert, dass die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit beschränkt wird; die Staaten wollen sogar versuchen, die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Wir haben seit 1970 bis heute bereits eine Erwärmung von 1 Grad Celsius im Vergleich zu 1850 (dem Beginn der Industrialisierung) – vgl. auch https://youtu.be/oJ1zm65u-ck „Klimawandel – Was die Wissenschaft wirklich weiß (… und was nicht)“, WDR-Doku mit Mai Lab
3
Alle durch Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen müssen durch Reduktionsmaßnahmen wieder aus der Atmosphäre entfernt werden und somit die Klimabilanz der Erde netto, also nach den Abzügen durch natürliche und künstliche Senken (Wälder, Moore oder auch künstlicher Entzug von Treibhausgasen aus der Atmosphäre), Null beträgt. Kurz: Wer in einem Jahr eine Tonne CO2 emittiert, muss im selben Zeitraum dafür sorgen, dass eine Tonne CO2 gebunden, also der Atmosphäre entzogen wird.
6
leonberger-kreiszeitung.de/inhalt.klimaschutzgesetz-spd-minister-deutschland-soll-bis-2045-klimaneutral-werden
7
Die englische Originalgrafik findet sich hier: https://www.theguardian.com/environment/2019/may/18/climate-crisis-heat-is-on-global-heating-four-degrees-2100-change-way-we-live
8
https://www.klimafakten.de/behauptungen/behauptung-klimamodelle-sind-nicht-verlaesslich – dort lassen sich auch weitere Klimamodelle und –prognosen der Vergangenheit nachschauen.
9
WELT: „Wer ökologisch leben will, der muss auf so vieles verzichten. Er darf nicht so viel Auto fahren, nicht so viel fliegen, er darf nicht so viel Fleisch und keinen Thunfisch essen. Ökologisch korrekt leben bedeutet: Verzicht. Das ist ziemlich unsexy …“
Thornton: „Das kann man so sehen. Aber man könnte ein ökologisches Leben auch als einen Mehrwert betrachten: Wenn die Erde nicht so stark ausgebeutet würde, dann können mehr Menschen gut leben. Man muss den Blickwinkel ändern. Freiheit sollte nicht länger als Konsumfreiheit des Einzelnen begriffen werden. Freiheit bedeutet, dass Menschen gesund in einer gesunden Umwelt leben dürfen.“ Aus einem Interview der „Welt“ vom 12.11.2018 mit James Thornton, Jurist, Schriftsteller und Zen-Priester
Beides sind zwei Seiten einer Medaille – vgl. auch: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/klima-und-luft/klimaschutz-deutschland-und-europa/27465.html
siehe auch Planetary health diet, hier dargestellt auf der Seite des Bundeszentrum für Ernährung: https://www.bzfe.de/nachhaltiger-konsum/lagern-kochen-essen-teilen/planetary-health-diet/
„Unser Planet ist unser Zuhause, unser einziges Zuhause. Wo sollen wir denn hingehen, wenn wir ihn zerstören? “ Dalai Lama, Interview mit Franz Alt, 2004
